Zurück Frisch ausgepackt Unten

Michaels aktuelle Plattentipps

Lucinda Williams: "World's Gone Wrong" (Thirty Tigers/Highway 20, Jan. 2026)
Protestlieder sind nicht unbedingt meine Sache, sei es als Hörer oder als Songschreiber. Da ist immer die Gefahr, dass man etwas kreiert, das keine grosse Haltbarkeit hat und schnell "dated" wirkt. Andererseits ist da ein Bedürfnis nach solchen Liedern, vielleicht nicht um die "Bösen" zu überzeugen, sondern um den "Guten" Trost zu spenden. In den letzten Jahren bin ich als Songschreiber einem tagespolitischen Bezug immer aus dem Weg gegangen. Zwar kommt in meinem Lied "Strange Times" vom letzten W4L-Album "Rain Meditations" ein "yellow faced trickster" vor und jeder wird wissen, wer gemeint ist. Allerdings hatte ich das Lied bereits 2020 geschrieben - und damals kam mir der gelbgesichtige Betrüger noch nicht annähernd so schlimm vor wie in letzter Zeit. Auch auf der neuen W4L-CD wird es ein Lied geben, bei dem ich versucht war, es zu einem Protestlied zu machen, aber im "Elbow Song" habe ich es dann doch bei der Symbolik von "A hard wind is blowing from the cold, cold east, And one is coming from the west" belassen.
Trotzdem finde ich Protestlieder wichtig, die sagen, was Sache ist. Zurück also zu Lucinda Williams: vor wenigen Tagen habe ich auf YouTube ein Video gesehen, in dem Lucinda Williams mit ihrer Band das am selben Tag erschienene neue Album komplett live spielt und über die Lieder spricht - und ich war beeindruckt. Von der Kraft und Spielfreude der Band und besonders von der Stärke von Lucinda, die da tapfer und kraftvoll, trotz eines offensichtlichen gesundheitlichen Handicaps (Schlaganfall?), gegen alles Üble ansingt, aus dem die Welt und besonders die USA im Moment wohl bestehen. Das klang alles so überzeugend, dass ich mir nach längerer Pause mal wieder ein neues Lucinda-Album gegönnt habe.
Bevor mich die Platte dann vor wenigen Tagen erreicht hat habe ich aber leider einige Kritiken gelesen und gehört (auch auf YouTube), wo die Platte schlecht bis mäßig wegkommt und ich war natürlich ein wenig in Sorge, denn auch ich habe tatsächlich ein paar Lucinda-Alben aus den letzten Jahren im Plattenschrank, die ich nicht besonders gut finde. Jetzt läuft das Album bei mir zu hause - und ich finde es große Klasse. Die Band ist auf den Studioversionen genau so gut und kraftvoll wie in der angesprochenen Liveperformance (die Gitarristen Doug Pettibone und Marc Ford, der Hammondspieler Rob Burger, Bassist David Sutton und Trommler Brady Blade), die gelegentlichen Gäste machen einen guten Job, zum Beispiel bei der gelungenen Bob-Marley-Coverversion von "So Much Trouble In The World", wo Mavis Staples Lucinda NICHT an die Wand singt (wie in einer Kritik behauptet wird). Norah Jones unterstützt bem der letzten Nummer "We've Come Too Far To Turn Around" sehr schön am Klavier und mit zweiter Stimme. Ein Lied ("Low Life") hat Lucinda zusammen mit den drei Musikern der angesagten Indie-Folk-Band Big Thief komponiert. Allerdings waren Adrienne Lenker, Buck Meek und James Krivchenia im Studio nicht dabei. Das wäre vielleicht schön gewesen, spielt aber eigentlich keine Rolle. Stattdessen ist dort der legendäre Mickey Raphael (von Willie Nelsons Band) mit ein paar schönen Tönen auf der Bluesharp zu hören.
Insgesamt eine gute Platte mit Protestliedern, die auf jeden Fall das Potential hat, uns in diesen schlechten Zeiten ein wenig Kraft und Trost zu geben.
(2026-02-08)
Mehr ...
Jeb Loy Nichols: "This House Is Empty Without You" (Timmion, Dez. 2025)
Schade, dass das neue Album des ehemaligen Masterminds der Fellow Travellers erst im Dezember 25 herausgekommen ist und ich auch erst im Januar 26 darauf aufmerksam geworden bin! Es hätte durchaus eine Chance in meiner Jahresliste gehabt - aber es ist wie es ist. Jeb führt wie immer das beste aus Folk und Soul zusammen, wieder in Finnland zusammen mit der tollen Hausband Cold Diamond & Mink vom Timmion Label, so wie schon vor ein paar Jahren beim Album "Jeb Loy".
(2026-02-08)
Mehr ...
The Barr Brothers: "Let It Hiss" (Secret City, Okt. 2025)
Auch dieses Album habe ich erst mit einiger Verzögerung entdeckt, es war im Jahreslistenvideo von Josh Scott, eigentlicht ein Videobloggern über und ein Hersteller von Gitarreneffektgeräten (JHS). Sein Blog ist sehr amüsant, leicht lakonisch und immer mit selbst gespielter Musik. Regelmäßig gibt es auch Plattentipps.
Zurück zu den Gebrüdern Barr, die zwar schon länger im Geschäft sind, auf meinem Radar aber bislang nicht auftauchten: die Musik ist irgendwo zwischen Singer/Songwriter, Indie, Rock und Folk angesiedelt. Das neue Album gefällt mir ziemlich gut, es gibt als erwähnenswertes Kuriosum eine Harfenspielerin, die wohl fest zur Band gehört, aber klanglich im Hintergrund bleibt. Das meiste wird von den Brüdern selbst gespielt (Brad mit Gitarre, Keyboards, Gesang & Songwriting; Andrew mit Schlagzeug, Perkussion und Keyboards), dazu kommen ein paar Gäste, die mir nur teilweise bekannt sind, etwa der umtriebige Jim James von My Morning Jacket und Jocie Adams von The Low Anthem bzw. Arc Iris.
(2026-01-18)
[My Morning Jacket | Arc Iris]
Mehr ...
Big Thief: "Double Infinity" (4AD, Sept. 2025)
"Double Infinity" hatte ich mir im September bei der Veröffentlichung zwar online angehört, konnte mich dann aber nicht zum Kauf entschließen. Als jetzt Ende Dezember die verschieden Jahreslisten herausgekommen sind und die Platte von vielen Leuten das allerhöchste Lob bekommen hat, auch von Leuten oder Magzinen, deren Meinung ich sehr schätze, habe ich noch einmal hineingehört und mich doch noch zum Kauf entschlossen. Jetzt sitze ich hier und lausche - und finde es gut. Allerdings: ein "Meisterwerk"? Ich weiß nicht. Ich werde natürlich auch meine Liste nicht nachbearbeiten. Vermutlich hätte es nicht oder nur knapp für meine Top 10 gereicht. Also: "Double Infinity" ist ein sehr schönes Album mit sehr vielen beteiligten Musikern, was sich aber leicht dadurch erklären (und rechtfertigen) lässt, dass es sich um eine Liveaufnahme handelt, wo alle Musiker zusammen gespielt haben (pro Lied immer mindestens 10 Musiker und Musikerinnen) und es keine oder kaum Overdubs gibt. So etwas gibt es heutzutage kaum noch.
(2026-01-16)

Die Jahrescharts 2025: Platz5 im Musikexpress und Platz13im Rolling Stone!

Mehr ...
The Blue Aeroplanes: "Magical Realism: The Best Of The Blue Aeroplanes 1985 - 2025" (Chrysalis, Jan. 2025)
Ein Doppelalbum und eine 45er Single als Karriereüberblick dieser tollen Band aus Bristol. Einige der Lieder, sofern sie auf Alben erschienen sind, habe ich zwar schon daheim, aber diese Band ist etwas Besonderes, wovon ich gerne mehr als üblich im Plattenregal haben möchte.
(2026-01-19)
Mehr ...
The Tasty Kings with Blondie Chaplin: "Native Tongue" (Digital: Sept. 2023 * CD: Stand Clear, Jan. 2025)
Eine etwas misteriöse CD ist das! Kürzlich hatte ich bei YouTube nach Clips von Blondie Chaplin, dem aus Südafrika stammenden Sänger und Gitarristen, der in den frühen 70ern mal für wenige Jahre ein Beach Boy war, gesucht. Dabei kam mir diese CD unter, in die ich reingehört habe und die ich mir dann sogar relativ kurzfristig bei meinem Online-Händler des Vertrauens bestellen konnte. Anscheinend bereits 2023 nur digital erschienen ist die real existierende CD wohl erst im Januar 2025 herausgekommen. So wie ich nun mal gestrickt bin habe ich dann versucht, mehr über die "Tasty Kings" herauszubekommen. Die Aufnahmen fanden in Austin/Texas statt und müssen wohl über mehrere Jahre gedauert habe, da zum Beispiel der beteiligte Keyboarder Ian MacLagen, ehemals Small Faces, schon einige Jahre nicht mehr in Austin, sondern im Himmel mit Jimi, Janis und Co. musiziert. Blondie wurde laut eigener Aussage zu den Session eingeladen und hat dabei offensichtlich so gut eingeschlagen, dass er nun auf alle Tracks singt und bei manchen auch Gitarre spielt. Laut der eigenen Bandcamp Seite stammt die Band aber aus New York City. Einige der beteiligten Musiker sind recht bekannt und spielen oder spielten ansonsten in den Touring Bands von Bob Dylan (Bassist Tony Garnier und Gitarrist Charley Sexton) oder sogar den Rolling Stones (Bassist Darryl Jones, Drummer Charlie Drayton und Blondie Chaplin), aber es handelt sich bei den Tasty Kings wohl um keine feste Band, sondern ein Projekt, dessen einzige Konstante der Gitarrist, Produzent und Songschreiber Andrew Morse ist, über den ich aber wenig bis garnichts im Netz erfahren konnte. Immerhin scheint er auch noch der Kopf vom Label Stand Clear zu sein, wie die Emailadresse in den Kontaktdaten der Webseite vermuten lässt.
Alle diese geklärten und ungeklärten Details sind aber eher unwichtig, denn "Native Tongues" ist in jedem Fall ein gutes Rockalbum im Stil der 70er, guten Songs von Andrew Morse, gutem Gesang von Blondie Chaplin, guter Instrumentalarbeit der beteiligten Profimucker. Ausserdem hat natürlich die "Detektivarbeit" zu den "Knackigen Königen" Spass gemacht.
(2025-12-15)
[Blondie Chaplin (1977)]
Mehr ...
Marty Stuart & His Fabulous Superlatives: "Space Junk - 20 Superlative Instrumentals" (Snakefarm, Vinyl: Apr. 2025 * CD: Nov. 2025)
Marty Stuart und seine geniale Band haben sich für das neue Album dem Thema "Surf Musik" gewidmet. Und wenn ich mal von ein paar frühen Beach Boys Alben absehe, ist das hier tatsächlich meine erste Platte im Surf-Sound. Auf jeden Fall meine erste in deren typischer Variante ohne Gesang. Im April gab's das Album bereits auf Vinyl zum Record-Store-Day, war aber schwer zu kriegen und mir auch viel zu teuer. Jetzt ist eine bezahlbare CD erschienen, die ich mir zugelegt habe, immerhin im schönen Pappcover, zu desssen großartiger Ästhetik auch das verwenmdete Gemälde auf der Vorderseite beiträgt, das von niemand anderem als Herb Alpert stammt. Vermutlich wurde bei der gesamten Covergestaltung auch eine Platte aus den 60ern als Vorlage verwendet (wahrscheinlich etwas von A&M, denn Herb Alpert war das "A" in "A&M"!). Wenn mir einfällt welche, dann kann ich das Cover auch auf meine Seite mit "gecoverten" Plattencovers stellen.
Insgesamt eine tolle Platte mit toll klingenden Gitarre von Marty Stuart und Kenny Vaughan. Der fehlende Gesang wird nicht wirklich vermisst.
(2025-12-15)
Mehr ...